Austausch zum "juristischen Preppen"
Im Nachgang zum Kollaps-Camp im August 2025 haben Kolleginnen, die vor Ort waren, unter dem Titel "Preppen mit Recht: Wie wir solidarisch durch die Krise kommen" ein paar erste Einschätzungen zum aufkommenden Kollaps-Diskurs in Deutschland aus progressiv-rechtsanwaltlicher Sicht veröffentlicht (ihr Artikel im RAV-Infobrief ist hier frei online verfügbar).
Nach diesem ersten Aufschlag laden wir alle Interessierten ein, mit uns Kontakt aufzunehmen, in Austausch zu kommen und gemeinsam nachzudenken, wie wir als Jurist_innen im Angesicht sich zuspitzender Kollapserscheinungen Verdrängung und Ohnmacht vermeiden und eine situationsangemessene Haltung und Ausrichtung für unsere Rechtspraxis finden können.
Anfragen und Kontakt sind - solange wir keine eigene Internetpräsenz haben - willkommen über die hier genannten Kanäle (Mail, LinkedIn, Mastodon)!
Hier noch ein paar vorläufige Thesen für die anwaltliche "Prepping"-Arbeit angesichts absehbarer verschärfter klimatischer und gesellschaftlicher Krisenerscheinungen:
Was macht kollapsbewusste und kollapsehrliche juristische Arbeit aus, die solidarische Krisenvorsorge und Kollapspolitik fördert?
- "Hinschauen", d.h. informiert sein über wesentliche Kollapserscheinungen, insbesondere Wissen und wissenschaftlich fundierte Prognosen zum bereits stattfindenden Klimawandel
- "Tell the truth": Beschönigenden Einschätzungen nicht zustimmen und bewusst mit Impulsen der "Abwehr" umgehen (im Mandatsverhältnis besonders herausfordernd); bei langfristigen rechtlichen und rechtspolitischen Einschätzungen die (implizite) Annahme hinterfragen, dass mit einem "Weiter so" grundlegender klimatischer Bedingungen gerechnet werden kann
- Im Angesicht von Kollapserscheinungen autoritären Krisenreaktionen entgegentreten, mit denen erkämpfte Freiheitsrechte und soziale Rechte beschnitten werden
- Resiliente Organisations- und Wirtschaftsformen auch rechtlich gestalten und absichern und Strömungen einer "Postkollapsökonomie" juristisch unterstützen
- Für viele Menschen ist es überwältigend, sich dem Schmerz über kollabierende Ökosysteme und kollapsbegleitende Gewalterfahrungen allein und unvorbereitet zu stellen. Auch in Rechtsberatung und Rechtspolitik sind emotionale Resonanzräume und Erlebnisse von Verbundenheit wichtig.
Kollapsbewusste und kollapsehrliche juristische Arbeit wird uns vermutlich zu neuen rechtlichen Formen führen. Inhaltlich werden vermutlich z.B. Katastrophenschutzrecht, verfassungsrechtliche Ausnahme- und Notstandsregelungen (vgl. die besondere Rolle des Zivil- und Bevölkerungsschutzes im neu gefassten Art. 109 Abs. 3 S.5 GG) und (rechtliche) Gestaltungen von dezentraler lokaler Daseinsvorsorge und selbstorganisierten Subsistenznetzen eine wichtige Rolle spielen.
Empfehlungen / Referenzen - work in progress
(weitere Hinweise gern an mich!)
zu 1. (Wissen und Prognosen über Klimawandel):
Eine frühe gute Einführung führender Wissenschaftler*innen mit Plädoyer, sich auf Worst-Case-Szenarien vorzubereiten, bieten: Luke Kemp et al.: "Climate Endgame: Exploring Catastrophic Climate Change Scenarios“, in: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) 119, 34 (2022) - im Sammelband „Klima, Kollaps, Kommunikation“ (2024) in deutscher Übersetzung hier frei verfügbar
zu 3. (Autoritären und faschistischen Tendenzen entgegenwirken):
Grundlegend für den deutschen Kontext: Arne Semsrott: "Machtübernahme" (2024) zu "demokratischem Prepping"
zu 4. (Kollapsresilientere Strukturen / Postkollapsökonomie):
Grundlegend für (kollaps)resiliente Wirtschaftsformen:
- die strömungsübergreifenden Formulierungen des Netzwerk Ökonomischer Wandel (sog. "drei Wege"), online hier
- instruktiv zum Nachdenken über und Formen von "Postkollapsökonomie": Andrea Vetter & Matthias Fersterer: "(Post-)Kollaps und gutes Leben für alle" (2024), online hier
Eine Sammlung von Veröffentlichungen zum Bereich insgesamt gibt es hier:
https://www.klimakollaps.org/bibliothek/category/alle-medien
Beiträge aus der "solidarischen Kollapsbewegung":
- zu "solidarischer Kollapspolitik" grundlegend Tadzio Müller: "Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps. Wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben" (2024), weitere Texte im Online-Blog
- Cindy Peter (Scully): "Zur Eigenständigkeit von Klimabewegung und Kollapsbewegung" = Blogbeitrag vom Oktober 2025 hier)